Heckmair 2.0

Alpenüber-
querung im Flow

Heckmair 2.0

Alpenüber-
querung im Flow

Die Alpen sind seit Jahrhunderten ein besonderer Ort für Abenteuer und Pionierleistungen. Die Gipfel in der Mitte Europas inspirieren seit Jahrzehnten unzählige Menschen, ihre Träume in die Tat umzusetzen. Vor 30 Jahren war es Andi Heckmair, der mit seiner Alpenüberquerung einen Meilenstein für Mountainbiker setzte. Von Oberstdorf in Deutschland fuhr er in sehr direkter Linie über die Pässe in Österreich und der Schweiz bis ins italienische Riva am Gardasee. 

Die Heckmair-Route gilt als absoluter Klassiker und führt über rund 400 Kilometer und 13500 Höhenmeter. Einige Kilometer muss das Rad auf dem Weg nach oben geschoben oder getragen werden. Macht das Spaß mit einem eMTB? Claus Fleischer, Geschäftsleiter von Bosch eBike Systems, und Mountainbike-Profi Stefan Schlie haben es ausprobiert.

Auf den Spuren der Legende: Mountainbike-Profi Stefan Schlie (links) und Claus Fleischer (rechts), Geschäftsleiter von Bosch eBike Systems, werden auf den ersten 15 Kilometern von Transalp-Pionier Andi Heckmair begleitet.

Auf den Spuren der Legende: Mountainbike-Profi Stefan Schlie (links) und Claus Fleischer (rechts), Geschäftsleiter von Bosch eBike Systems, werden auf den ersten 15 Kilometern von Transalp-Pionier Andi Heckmair begleitet.

Die Idee

„Ötzi war zu Fuß unterwegs, Hannibal mit Elefanten, Paulcke mit Ski – aber eben kei­ner mit dem Mountainbike.“ So wird Andi Heckmair zu seiner Alpenüberquerung zitiert, mit der er 1990 einen Meilenstein in der Geschichte des Mountainbikings setzte. Sein Vater Anderl durchstieg als Erster die Eiger-Nordwand, Andi schwang sich aufs Rad: Die Heckmair-Route führt vom bayerischen Oberstdorf bis zum Ufer des Gardasees, etwa 400 Kilometer über die Alpen, auf schmalen Wegen und über insgesamt 13500 Höhenmeter. Ein Unterfangen, über das Heckmair in einem Interview sagte, man müsste „masochistisch“ veranlagt sein, um es mit einem 25 Kilogramm schweren eMTB zu wagen.

Diese Aussage gab den Anstoß, genau das zu probieren. Jedes Jahr im Sommer begeben sich Claus Fleischer, Geschäftsleiter von Bosch eBike Systems, und der mehrfache Trial-Vize­welt­­meis­ter Stefan Schlie gemeinsam auf eine Studienreise, um die verschiedenen Mountainbike-
Tou­rismus-Konzepte in den Alpen kennenzulernen, neue Inspirationen zu sammeln und die Möglichkeiten moderner eMTB-Systeme auszuloten.  

Ihre Reisen spiegeln den Geist wider, mit dem Bosch eBike Systems 2009 als Start-up inner­halb der Bosch-Gruppe gegründet wurde und mit dem die Weiterentwicklung des eMTB in den vergangenen Jahren maßgeblich vorange­trieben wurde. Nun wagten sie 30 Jahre nach der ersten Alpenüberquerung von Andi Heckmair das Abenteuer Heckmair 2.0 – mit elektrischem Antrieb. 

Die Planung

„Ihr spinnt, verrückte Idee. Wir sind dabei“, sagen alle, die Claus und Stefan um Unterstützung bitten. Markus Greber, Fotograf und Journalist, begleitet sie schließlich auf der Tour, Transalp-Experte Uli Stanciu unterstützt bei der GPS-Tourenplanung. Die Route führt über zahlreiche Passagen, an denen das eMTB geschoben oder getragen werden muss, eine Schinderei am Schrofenpass an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, am Schlappiner Joch auf dem Weg in die Schweiz und schließlich am Passo di Campo in Italien. Sie entscheiden sich trotzdem dafür, vier Länder in vier Tagen statt in sechs, durch einige knifflige Passagen. Claus sagt: „Sonst wäre es für uns keine echte Heckmair-Route 2.0.“

Claus und Stefan bereiten die Tour anhand von GPS-Daten vor, die sie unterwegs auf ihrem Nyon im Blick haben. Sie entscheiden sich für vier Etappen mit allen Original-Pässen der Heckmair-Tour plus einem Reservetag. Nur ab Li­vigno, einem italienischen Skiort an der Grenze zur Schweiz, plant Uli Stanciu eine schönere Variante durch das Valdidentro und Val Verva, statt dem asphaltierten Weg über den Gaviapass.

Vier Länder in vier Tagen – sonst wäre es keine echte Heckmair-Route 2.0“
Claus Fleischer

Tag 1

Aufbruch am Fuß der Alpen

Das Abenteuer beginnt am frühen Morgen in Oberstdorf auf der deutschen Seite der Alpen, mit Reserveakkus und Ladegerät im Rucksack sowie weiteren Ersatzteilen im Begleitfahrzeug. Auf den ersten 15 Kilometern bis zum Einstieg am Schrofenpass, der sie von Deutschland nach Österreich führt und besonders für Moutainbiker das Highlight vieler Touren ist, werden Claus und Stefan vom mittlerweile 79-jährigen Pionier Andi Heckmair begleitet.

Als er vor 30 Jahren aufbrach, war der Tourismus in den Alpen noch ein anderer. Erst später, als es immer mehr Menschen in die Alpen zog, flammten die Diskussionen auf: Wanderer und Mountainbiker nutzen gemeinsam jahrhundertealte Säumer- und Handelswege. Auch das eMTB ist nun Teil der Debatte. Dabei können der elektrische Antrieb und die Reichweite des Akkus helfen, stark frequentierte Routen zu entzerren und Wege fernab der Touristenpfade zu erkunden. „Die Alpen sind nicht grundsätzlich überfüllt, sondern nur punktuell stark überlaufen“, hat Bergsteiger-Legende Reinhold Messner einmal gesagt. „Ein Tal weiter sind die Alpen leer.“ Auf dem Weg raus aus den Hotspots unterstützt der Akku – und ansonsten helfen immer Rücksichtnahme, Toleranz und Respekt zwischen Menschen sowie vor der Natur. Egal, ob man zu Fuß oder per Rad die Berge genießt.

Für Claus und Stefan endet der erste Tag im Sattel nach fünf Stunden und 32 Minuten aktiver Fahrzeit – mit zwei Akkus und Nachladen in den Pausen haben sie die ersten 92 Kilometer und 3250 Höhenmeter überwunden.

Wegweiser: Der 79-jährige Andi Heckmair (Foto links) hatte auch die Idee zum weltweit ersten Bike-Rucksack. Sein Pioniergeist inspirierte Claus Fleischer.

Wegweiser: Der 79-jährige Andi Heckmair hatte auch die Idee zum weltweit ersten Bike-Rucksack. Sein Pioniergeist inspirierte Claus Fleischer

Steilvorlage: Von Oberstdorf in Süddeutschland führt der Weg über den Schrofenpass zunächst nach Österreich.

        

Steilvorlage: Von Oberstdorf in Süddeutschland führt der Weg über den Schrofenpass zunächst nach Österreich.

Steilvorlage: Von Oberstdorf in Süddeutschland führt der Weg über den Schrofenpass zunächst nach Österreich.

Tag 2

Uphill Flow Feuerwerk in der Schweiz

Die Ruhe vor dem Sturm: Auf dem Weg zum Scalettapass fahren Claus und Stefan mit ihren eMTBs den hier noch leichten Trail hinauf.

Die Ruhe vor dem Sturm: Auf dem Weg zum Scalettapass fahren Claus und Stefan mit ihren eMTBs den hier noch leichten Trail hinauf.

Der zweite Tag startet mit einem Kraftakt am Schlappiner Joch auf dem Weg von Österreich in die Schweiz, 400 Höhenmeter auf 1,5 Kilometern. Kaum fahrbar, ein enger, steiler Steig, der zum Teil noch verblockt ist, zwingt zum Schieben – oder auch Tragen. Doch nach der Mittagspause im schweizerischen Davos können Claus und Stefan die Faszination des eMTB auf der Auffahrt zum Scalettapass in Richtung Italien voll auskosten. „Ein Uphill Flow Trail Feuerwerk“, sagt Stefan. Uphill Flow, das Gefühl eins zu sein mit dem Trail, nur statt bergab auch bergauf. Diese Idee hatten Claus und er schon 2013 entwickelt.

Angefeuert von ihren Glücksgefühlen durchquert das Team an diesem Tag die Schweiz von Norden nach Süden und erreicht schließlich über den komplett befahrbaren Chachauna Pass Livigno – 5:44 Stunden Fahrzeit, 85 Kilometer, 3700 Höhenmeter. Am Himmel der italienischen Alpen kündigen tief hängende Regenwolken und Wind schon die Herausforderungen der kommenden Tage an.
 

Verblockter Trail in traumhafter Kulisse: Der Scalettapass von Davos ins Engadin ist für geübte Mountainbiker ein Uphill Flow Vergnügen.

Verblockter Trail in traumhafter Kulisse: Der Scalettapass von Davos ins Engadin ist für geübte Mountainbiker ein Uphill Flow Vergnügen.

Nach einem langen Tag: Claus und Stefan kommen erschöpft, aber glücklich in Livigno an.

Nach einem langen Tag: Claus und Stefan kommen erschöpft, aber glücklich in Livigno an.

Tag 3

Italienische Schlechtwetter-Prüfung

Dunkle Wolken und heftiger Wind begleiten sie von Livigno durch das Val Alpisella in Richtung der Stauseen nordwestlich von Bormio. Die Trails werden durch das Wetter zu einer echten Herausforderung, bei der professionelle Fahrtechnik unabdingbar ist. Die optimale Rad- und Fußposition, die richtige Trittabfolge und Pedalstellung – wer mit dem eMTB an die Grenzen gehen will und trotzdem sicher unterwegs sein möchte, kommt um gute fahrtechnische Grundlagen nicht herum.

Auf dem Weg durch die italienischen Alpen schüttet es in Valdidentro und im Val Verva wie aus Eimern, es ist kalt – trotzdem ist die Stimmung gut. Auf der Passhöhe ziehen die Wolkenfetzen zur Seite, und vereinzelte Sonnenstrahlen beleuchten die bizarre Bergwelt, der Nebel dampft zwischen den Felsbrocken. Nach 118 Kilometern, 3450 Höhenmetern und nahezu sechs Stunden aktiver Zeit erreicht die Gruppe das Ziel am Fuße des AdamelloGebirges.

Dunkle Vorzeichen: Starke Winde und Wolken kündigen schlechtes Wetter an. Heftiger Regen macht die Wege durch Val Alpisella, Valdidentro und Val Viola zu einer Herausforderung.

Dunkle Vorzeichen: Starke Winde und Wolken kündigen schlechtes Wetter an. Heftiger Regen macht die Wege durch Val Alpisella, Valdidentro und Val Viola zu einer Herausforderung.

Tag 4

Ankunft und Ausblick

Sprungbereit: Auf dem steilen, rutschigen Weg über Wurzelwerk und Steinfelder sind Balance und Fahrtechnik gefragt.

Sprungbereit: Auf dem steilen, rutschigen Weg über Wurzelwerk und Steinfelder sind Balance und Fahrtechnik gefragt.

Das Finale verzögert sich. Die Unwetter haben für zwei Tage die Alpen im Griff, die letzte und entscheidende Etappe scheint unmöglich. Was nun? Abreisen oder auf eine letzte Chance warten? Das hieße zwei Tage Zwangspause – und im Morgengrauen über den berüchtigten Passo di Campo.


Sie wollen Heckmair 2.0 schaffen und starten nach 48 Stunden Warten hinauf zum Passo di Campo. Ein steiler, verblockter und rutschiger Karren-Weg führt durch einen vom Regen noch nassen Märchenwald konsequent nach oben. Auf dem eMTB? Natürlich, im Uphill Flow! Entgegen den Warnungen müssen sie nur wenig schieben und können mehr fahren als gedacht, über Wurzelpassagen, Steinfelder und Fels­platten. Auch hier sind beste Fahrtechnik und alpine Erfahrung erforderlich, dieser Pass ist nichts für Einsteiger. Auf 2250 Meter gibt es nach der letzten Herausforderung auf dem Passo di Campo eine schöne Überraschung, Uli Stanciu und seine Frau Gio erwarten die Gruppe bereits mit einem gut gekühlten Nosiola aus dem Trentino. 

Nach dem Trail-Vergnügen bergauf wartet der steile Weg hinunter zum Lago di Campo. Voller Euphorie und Dankbarkeit kommen Claus, Stefan und Begleiter Markus erschöpft und glücklich am Ziel an – ein Moment, der ihnen für immer in Erinnerung bleiben wird. Die bekannte Schlussetappe über den Tremalzopass zum Zielort Riva del Garda muss aus Zeitgründen leider entfallen. 

Das Fazit zum Abenteuer Heckmair 2.0, der Alpenüberquerung auf dem eMTB?

„Kann man machen, muss man aber nicht“, sagt Claus und lacht.

Die Schlüsselstellen auf der Tour, die sie in vier Tagen durch vier Länder geführt hat, waren auch mit einem 22,5 Kilogramm schweren eMTB machbar. Das Schlappiner Joch zwischen Österreich und der Schweiz würden sie eher nicht empfehlen; nur ohne wäre es eben nicht Heckmair 2.0 gewesen. Seit der Alpenüberquerung von Andi Heckmair 1990 hat sich vieles verändert, in den Alpen und an den Rädern selbst. Wie wird wohl eine Alpenüberquerung auf dem eMTB in der Zukunft aussehen? „Unsere digitalen Innovationen werden schon bald ganz neue Möglichkeiten eröffnen, besonders im Hinblick auf die Individualisierung des Fahrgefühls, Konnektivität und Navigation“, sagt Claus. „Ich kann unsere nächste Studienreise kaum abwarten. Wer weiß, vielleicht fahren wir irgendwann Heckmair 3.0 – mit einigen Varianten und die letzte Etappe dann komplett.“

Nach dem Trail-Vergnügen bergauf wartet der steile Weg hinunter zum Lago di Campo. Voller Euphorie und Dankbarkeit kommen Claus, Stefan und Begleiter Markus erschöpft und glücklich am Ziel an.

Bosch eBike Facts

2009

Gründung von Bosch eBike Systems als Start-up innerhalb der Bosch-Gruppe


Fahrradhersteller beginnen, Bosch-Antriebe in eMTBs zu verbauen


Claus Fleischer und Stefan Schlie haben die Idee für „Uphill Flow“

2015

Premiere der Drive Unit Performance Line CX


eMTB-Modus von Bosch wird auf dem Bike Festival in Riva vorgestellt


Neue Performance Line CX bietet mehr Dynamik und besseres Fahrgefühl


Einführung des smarten Systems, die neue Systemgeneration von Bosch eBike Systems

Der ultimative Uphill Flow

eMTB-Modus

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Der Superlativ unter den eBike-Antrieben

Die Performance Line CX

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Techniken und Styles des eMountainbikens

Biking Guide

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